Vom Verschwindenlassen einer Welt
Symposium der stiftung medico international 2025
Abendveranstaltung. Donnerstag, 8. Mai 2025 19 Uhr
Symposium. Freitag, 9. Mai 2025 9:30 - 16 Uhr
medico-Haus, Lindleystr. 15, 60314 Frankfurt am Main
Bitte melden Sie sich baldmöglichst an, spätestens bis zum 17.4.2025. Wenn unsere Kapazitäten erreicht sind, endet der Anmeldeschluss bereits vor dem 17.4.2025. Wir bitten um Verständnis.
If each day falls inside each night, there exists a well where clarity is imprisoned.
We need to sit on the rim of the well of darkness and fish for the fallen light with patience.
Pablo Neruda
Die Welt brennt, und als Hilfs- und Menschenrechtsorganisation ist es unsere Verpflichtung in die Flammen zu schauen. Auch dann noch, wenn Kriege und Katastrophen „ihr spektakuläres Gesicht verlieren“, wie es im Selbstverständnis der Stiftung heißt. medico schaut hin, ohne die Flammen für die heranziehende Apokalypse zu halten oder sie als Strohfeuer kleinzureden. Um uns herum geschieht beides.
Den Krisen unserer Zeit wohnt die Paradoxie inne, dass das globale Geschehen so allgegenwärtig wie bedeutungslos ist. Allgegenwärtig, weil die Kriege und Katastrophen weltweit zunehmen und so eng ineinander verwoben sind, dass die Auswirkungen global spürbar sind. Das betrifft die Kriege im Nahen Osten oder in der Ukraine genauso wie die Klimakatastrophe. Je offenbarer die globale Dimension des Krisengeschehens wird und je näher es an Europa und den gesamten globalen Norden heranrückt, desto rigoroser wird dessen Abwehr und Leugnung. Die mentale, politische und ökonomische Abschottung, derzeit vor allem in Gestalt einer Renationalisierung des politischen Raums, lässt die Welt verblassen. Spürbar wird dies im Umgang mit der Klimakrise, wo der Wahrnehmungshorizont auf den eigenen Vorgarten beschränkt ist und diejenigen, die sich dagegen zur Wehr setzen, kriminalisiert werden. Spürbar wird es auch im weltweiten Umgang mit Flüchtlingen und Migrant:innen, deren Entmenschlichung in Medien und Politik mittlerweile ein zentrales Prinzip ethischen Handelns angreift: die Universalität von Menschenrechten.
Auch die politische Hoffnung, die eigene Betroffenheit fördere Empathie oder gar ein weltbürgerliches Verbundenheitsgefühl, hat sich spätestens mit dem brutalen Impfstoffnationalismus in der Covid19-Pandemie erledigt. Der Umgang mit Covid-19 wurde als Teil des Krisengeschehens zur Bruchlinie für die Neuordnung der Welt.
Mit all dem korreliert das Verschwinden der Welt aus den Medien. Auch wenn es Unterschiede gibt – der Krieg im Sudan wird vollständig ignoriert, während die Kriege in Nahost breiter besprochen werden, wird in der Tagesschau dem Sport mehr Sendezeit eingeräumt als allen Ländern des Globalen Südens zusammen, heißt es in einer Mediendiskursanalyse. Die politischen und moralischen Ungeheuerlichkeiten unserer Zeit verlieren zunehmend an Nachrichtenwert.
Diese Transformationsprozesse verändern die Arbeit von medico grundlegend. Wenn das globale Geschehen von autoritären Kräften nur noch als Gefahrenherd für das Projekt der Renationalisierung Erwähnung findet, dann steht auch die solidarische Idee von Hilfe grundlegend in Frage. Massive Haushaltskürzungen in diesem Bereich sind Vorboten dieser Entwicklung, die Hilfe als Investment im nationalen Interesse versteht.
Sich in einer Zeit der „Krisen der Alternativen“ (Susan Buck-Morss) dem Verblassen der Welt entgegen zu stellen erscheint heutzutage bereits als kleine revolutionäre Tat. Wie also kann es gelingen, die globale öffentliche Sphäre und die Wahrnehmung der Realität in ihr wieder auszuweiten? Wie kann die Abspaltung überwunden werden?
Ein Weg, der hier aufscheint, ist ein neues Verständnis von solidarischer Unterstützung, eine wechselseitige Luftbrücke, die sich nicht mehr an der ursprünglichen Idee von Hilfe orientiert.
Ein solidarisches Handeln, das Nationalismus von unten überwindet und das Leben der Anderen nicht einfach preisgibt, ist fortlaufend nötig und muss selbst unter widrigsten Bedingungen erstritten werden.
Das werden einige der Fragen und Überlegungen sein, die auf dem Symposium der stiftung medico am 8. und 9. Mai verhandelt werden sollen.
Programm
18:30 | Ankunft + Anmeldung |
19:00 | Begrüßung und Einführung
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19:15 | Eröffnungsvortrag
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20:15 | Aussprache
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21:00 | Ende Tag 1 |
09:30 | Einlass + Anmeldung |
10:00 | Begrüßung und Einführung
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10:15 | Vom Verschwindenlassen einer Welt. Was heißt hinsehen?
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11:00 | Aussprache |
11:30 | Pause |
11:45 | Die Kolonialisierung der Zukunft. Zum Verschwinden der Klimadebatte.
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12:30 | Aussprache |
13:00 | Mittagessen im medico Haus |
14:15 | Hilfe als Schaubühne der neuen Weltordnung: Wie solidarisch sein?
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15:00 | Aussprache |
15:30 | Abschlusskommentar
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16:00 | Ende der Veranstaltung |